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28.06.2010 Gesundheitsreform zwingt Ärzte zu Qualitätsnachweis Thema
Frei praktizierende Ärzte tun sich schwer damit, ihre Behandlungsqualität messen zu lassen. Nun machen Gesundheitspolitiker Druck, um endlich Daten über einzelne Ärzte zu erhalten.Das Krankenversicherungsgesetz verpflichtet nicht nur Spitäler, sondern auch frei praktizierende Ärzte zur Qualitätskontrolle. Allerdings wehren sich viele Mediziner dagegen, dass Daten zur Behandlungsqualität erhoben und veröffentlicht werden. Zudem graut ihnen vor noch mehr administrativem Aufwand. Obwohl die Qualitätssicherung im Gesetz steht, hat der Bund bisher nicht eingegriffen. Die Umsetzung wurde an die Tarifpartner delegiert: an die Kassen und an die Ärzteverbindung FMH.
Managed Care erhöht den Druck
Doch die gesetzliche Förderung von Ärztenetzwerken (Managed Care) erhöht den Druck, sich einer Qualitätskontrolle zu unterziehen. Der Nationalrat hat vor zwei Wochen einer Reform zugestimmt, die die Behandlung in HMO- und ähnlich funktionierenden Gruppenpraxen zum Standard machen will. Die Pioniere dieser Managed-Care-Medizin unterziehen sich schon länger aufwendigen Qualitätskontrollen. So lässt sich das Netzwerk Medix von der Equam-Stiftung zertifizieren. Zu erfüllen sind 400 Qualitätskriterien. Dazu gehören regelmässige Teamsitzungen zur Qualitätsverbesserung oder ein Verzeichnis kritischer medizinischer Ereignisse.
Die FMH hat in den letzten Monaten die Qualitätsarbeit ihrer Mitglieder erstmals erhoben. In der Umfrage wurde aber nicht nach Behandlungsergebnissen gefragt, sondern danach, wie sich Ärzte um Qualität bemühen: ob sie Befragungen bei Patienten durchführen, an Weiterbildungen oder Qualitätszirkeln teilnehmen. Die Umfrage belege das breite Spektrum an Qualitätsarbeit der Ärzte, lautet das positive Fazit der FMH.
Doch aus Sicht der Gesundheitspolitiker genügt das nicht. «Die Ärzte müssten endlich die Qualität ihrer Behandlungen bewerten lassen, damit die Patienten vergleichen können», findet Nationalrätin Ruth Humbel (CVP, AG). Sie war massgeblich an der Managed-Care-Vorlage beteiligt. Das Argument vieler Mediziner, wonach Qualität nur schwer messbar sei, lässt Humbel nicht gelten. «Die Ärzte wissen doch selbst auch, zu welchen Kollegen sie ihre Patienten überweisen und zu welchen nicht.»
FDP-Ständerat Felix Gutzwiller will bei der Beratung der Managed-Care-Vorlage im Ständerat darauf drängen, dass die Vorgaben zur Qualitätskontrolle verbindlicher werden. «Wir müssen die Gewähr haben, dass unter dem Kostendruck nicht bei der Qualität gespart wird.» Gleichzeitig müsse es wie bei den Spitälern möglich sein, dass die teuren und schlechten Leistungserbringer identifiziert und ausgeschieden werden könnten. Für Humbel ist Qualitätsmessung eine Voraussetzung dafür, dass Managed Care nicht als Billigmedizin abgestempelt wird.
Auch für die FMH ist klar, dass ihre Mitglieder nicht um Qualitätsmessungen herumkommen. Daniel Herren, Mitglied des FMH-Zentralvorstands, verweist allerdings auf Schwierigkeiten für ambulant tätige Ärzte. «Die Überlebensrate nach einer Herzoperation ist ein nachvollziehbares Kriterium. Schwieriger zu definieren sind aber Qualitätskriterien für komplexe Behandlungen von Patienten mit Mehrfacherkrankungen.»
Es fehlt an Anreizen
Zudem fehle es an Anreizen, Zeit in die Qualitätssicherung zu investieren. «Für einen Arzt mit Einzelpraxis bringt das schnell mal eine Stunde Mehrarbeit pro Tag», sagt Herren. Ein weiteres sei das Misstrauen gegenüber den Kassen. Schuld daran seien unter anderem Wirtschaftlichkeitsverfahren, mit denen Kassen Ärzte, die über einem bestimmten Kostenniveau liegen, abmahnen und sogar Rückzahlungen verlangen.
Geld oder weniger Papierkram?
Für Ärztenetze sind Qualitätslabels schon heute ein Argument, um mit den Krankenkassen gute Verträge auszuhandeln. «Ein Netzwerk profitiert unmittelbar von der Qualitätsarbeit, während sich bei den Einzelpraxen bis heute nur Idealisten um ein Qualitätszertifikat bemühen», sagt Felix Huber, Medizinischer Leiter von Medix Zürich. «Aber wenn einmal mehr als die Hälfte der Ärzte einem Netzwerk angeschlossen sind, werden sich auch Ärzte in Einzelpraxen darum bemühen.»
Die Kassen fordern schon lange, dass die Ärzte Qualitätsdaten liefern, etwa Infektions- oder Komplikationsraten. Nächste Woche treffen sich Kassen und FMH im Beisein von Vertretern des Bundes und der Kantone zu einer Gesprächsrunde. Eine Streitfrage ist das Geld. «Uns geht es nicht um Sanktionen. Aber wir wollen gute Behandlungsqualität finanziell, also mit höheren Taxpunkten, belohnen können», sagt Felix Schneuwly vom Kassenverband Santésuisse. Die FMH plädiert hingegen dafür, dass Ärzte für ihre Qualitätsarbeit von administrativem Aufwand entlastet werden, etwa wenn sie bei den Kassen um Kostengutsprachen für Behandlungen ersuchen.
(Tages-Anzeiger)
