Rotavieren Erreger von schwerem Erbrechen und Durchfallserkrankungen
Das Wichtigste in Kürze
- Rotaviren verursachen weltweit unter Säuglingen und Kleinkindern am häufigsten schweres Erbrechen und Durchfälle.
- In Entwicklungs- und Schwellenländern kann die durch Rotaviren verursachte schwere Dehydratation zum Tode führen. In den entwickelten Industrieländern fallen hohe Gesundheitskosten zur ambulanten und stationären Behandlung an; Todesfälle treten aber äusserst selten auf.
- Es konnte gezeigt werden, dass die beiden neuen Impfstoffe nicht zu den gefürchteten Darm-Invaginationen (= Einstülpungen) führen, wenn sie vor dem 6. Lebensmonat angewendet werden.
- Die beiden Impfstoffe zeigen in gross angelegten Feldstudien eine Schutzrate gegen schwere Verlaufsformen von 90-95%; über alle Durchfallserreger gesehen vermindert sich die Rate um 45-50%. Leichtere Brech-Durchfälle können bis zum Alter von 3 Jahren trotzdem noch vorkommen.
- Die beiden Lebendimpfstoffe werden als Schluck-Impfung verabreicht. In der Schweiz ist nur ein Impfstoff zugelassen.
Krankheit und Behandlung
Rotaviren kommen überall vor. Jedes Kind steckt sich innerhalb seiner ersten fünf Lebensjahre mindestens ein Mal an. Schwere Brechdurchfälle (BDF) treten vor allem bei den 3- bis 36-Monate alten Kindern anlässlich des ersten Kontakts mit dem Rotavirus auf. Auf ein hospitalisiertes Kind kommen ca. 70-100 ambulante Patienten. Das Spektrum der Erkrankung reicht von kurzzeitigen, milden, wässrigen Durchfällen bis zu schwerem, lang anhaltendem Erbrechen gefolgt von stark übel riechenden wässrig-grünlichen Durchfällen. Säuglinge und Kleinkinder können innerhalb weniger Stunden dehydrieren bis hin zum Schockzustand.Eine überstandene erste schwere Infektion schützt nicht vor einer weiteren, aber vor einer erneut schwer verlaufenden Infektion.
Das Virus wird in hohen Konzentrationen im Erbrochenen und im Stuhl ausgeschieden. Die Ansteckung erfolgt über Tröpfchen- und Schmierinfektion. Auch kontaminiertes Wasser und Nahrungsmittel sind Ansteckungsquellen. Das Virus überlebt an trockenen Oberflächen über mehrere Stunden. Während Epidemien gehen 70% aller hospitalisierten Kinder auf das Konto der Rotavirus-Infektionen; sie verursachen 50% aller Durchfallserkrankungen bei Säuglingen und Kleinkindern.
Eine spezifische antivirale Therapie gegen Rotaviren gibt es nicht. Milde Verläufe werden mit Zucker-Salz-Wasserlösungen und unterstützenden Massnahmen behandelt. Schwere Verläufe erfordern eine Infusionsbehandlung zur Korrektur des Wassermangels und des Salzhaushaltes.
Impfstoffe
Die beiden weltweit erhältlichen Impfstoffe schützen über 90% der Geimpften vor schweren Verlaufsformen. Sie können mit den anderen Basisimpfungen und ergänzenden Impfungen kombiniert werden, ausser dass sie nicht gleichzeitig mit dem oralen Polio-Impfstoff (OPV) verabreicht werden sollten; Mindestabstand 2 Wochen.Der einzige in der Schweiz erhältliche Impfstoff wird mit zwei Schluckimpfungen verabreicht. Die theoretische Abdeckung beträgt in Europa ca. 88%. Er zeigt eine gute Vermehrungsrate im Darm (50% Ausscheider nach der ersten Dosis). Er schützt auch im zweiten Jahr nach der Impfung gegen schwere Rotavirus-Infektionen.
Der andere, in der Schweiz nicht registrierte Impfstoff, muss in drei Schluckimpfungen verabreicht werden. Die theoretische Abdeckung beträgt für Europa 96%. Er zeigt nur eine geringe Vermehrungsrate im Darm, Ausscheider sind selten. Ohne Impfung sind und bleiben die Rotaviren die häufigsten Erreger von schweren und lebensbedrohlichen Durchfallserkrankungen weltweit. In Industrieländern ist die Mortalität gering, aber die Gesundheitskosten sind hoch.
Impfschema
Für den in der Schweiz zugelassenen Impfstoff sind es zwei Schluckimpfungen: die erste Dosis soll in/ab der 6. Lebenswoche, die zweite Dosis unbedingt vor dem 6. Lebensmonat verabreicht werden. Der Abstand zwischen den beiden Dosen soll mindestens 2 Monate betragen.Kontraindikationen
Die Impfung darf nicht durchgeführt werden, wenn vorher eine Darm-Invagination (= Einstülpung) durchgemacht wurde, wenn angeborene Missbildungen im Magen-Darm-Trakt bestehen und wenn im Bauch Tumoren oder vergrösserte Organe vorkommen. Diese könnten Darm-Invagination begünstigen. Ebenso bei schwerer angeborener Immunschwäche und Therapien mit immunschwächenden Medikamenten.Nebenwirkungen
Die Impfungen werden sehr gut ertragen. Schwere Nebenwirkungen sind bisher nicht bekannt. Während ein bis drei Tage nach der Schluckimpfung kann es zu leichtem Durchfall kommen. In den grossen kontrollierten Studien wurde keine Häufung der sogenannten Darm-Invaginationen gefunden. Die Impfreaktionen unterscheiden sich nicht von der Placebo-Gruppe.Kritik
Für die Impfung spricht, dass sie einfach verabreicht werden kann, dass schwere Verlaufsformen von Brechdurchfall mit grosser Sicherheit vermieden werden können und damit die generelle Krankheitslast im Säuglings- und Kleinkindesalter reduziert werden kann. Diese Impfung ist die erste Impfung in den Industrieländern, welche darauf abzielt Gesundheitskosten zu senken und volkswirtschaftliche Schäden (Arbeitsunfähigkeit erwerbstätiger Eltern zur Pflege ihres Kindes) zu vermindern. Es geht nicht mehr um die Vermeidung von Todesfällen oder schweren Komplikationen.Gegen die Impfung spricht, dass sie zu teuer ist. Bei einer generellen Durchimpfung aller Säuglinge heben sich die Kosten der Impfung und die Einsparungen für das Gesundheitswesen und die Volkswirtschaft auf.
Spezielle Risikogruppen, welche allenfalls von der Impfung profitieren könnten, wurden in Studien noch nicht in genügend grosser Anzahl überwacht, weshalb für diese Gruppen keine Impfempfehlungen bestehen. In der Schweiz, wie auch in anderen europäischen Ländern wurde die Impfung unter der Kategorie der Impfungen ohne spezifische Impfempfehlung aufgenommen, d.h. die Impfung wird aktuell nicht generell empfohlen. Sie gehört auch nicht zur Kategorie der Reiseimpfungen.
Dr. med. Ph. Trefny, Luzern (3.2009)
