Krank statt geimpft

Sind nicht alle Infektionskrankheiten heute harmlos?

Bakterielle Infektionskrankheiten haben seit der Einführung der Antibiotika tatsächlich viel ihres Schreckens verloren. Jedoch nützen Antibiotika nicht gegen die bakteriellen Gifte, welche etwa die Erreger von Diphtherie oder Tetanus freisetzen. Weltweit sterben schätzungsweise fünf Millionen Menschen pro Jahr an Krankheiten, die durch eine Impfung hätten vermieden werden können. Weitere fünf Millionen Menschen erblinden, erleiden Nervenschädigungen oder andere dauernde Behinderungen. Diese Folgen lassen sich weder durch Behandlung noch durch andere prophylaktische Massnahmen vermeiden.

Sind Kinderkrankheiten für die seelische Entwicklung des Kindes wichtig?

Kein Kind ist nach einer Infektionskrankheit genau gleich wie zuvor. Mit jeder Krankheit macht das Kind neue Erfahrungen, auch etwa in der Eltern-Kind-Beziehung. Bei einer Erkrankung spürt es die Fürsorge der Eltern besonders. Dies gilt aber für jede fieberhaften Erkrankung des Kindes. Dazu bedarf es nicht unbedingt der Erkrankungen mit möglichen schweren Komplikationen wie Masern oder Infektionen mit Haemophilus. Es gibt ausser Einzelbeobachtungen keine systematisch erhobenen Hinweise darauf, dass bestimmte Infektionskrankheiten einen psychischen oder seelischen Entwicklungsschub auslösen. Schwere Krankheiten sind häufig auch besonders gut erinnerte Ereignisse, wie etwa der erste Schritt, der erste Drei-Wortsatz. Krankheiten können sehr wohl in zeitlicher Nähe zu besonderen Entwicklungsschritten vorkommen.

Stärken Erkrankungen wie Masern die Abwehrkräfte des Kindes?

Grundsätzlich gilt tatsächlich: die ständige Auseinandersetzung mit Erregern stärkt die Abwehrkraft. Daher sind übertriebene Hygiene oder Angst vor banalen Erkältungen nicht angebracht. Jedoch lässt sich für kein Kind vorhersagen, wie es bei einem bestimmten Erreger reagieren wird. Die Auseinandersetzung mit Schnupfenviren stärkt ein Kind nicht unbedingt für seinen Kampf mit Masernviren. Daher sollte man die mögliche «Stärkung» des Immunsystems harmlosen Erkrankungen überlassen, und das Kind gegen gefährliche Erkrankungen vorbeugend impfen. Masern können sogar auf bislang unbekannte Weise die zelluläre Immunabwehr schwächen. Nach einer Maserninfektion kann beispielsweise eine zuvor vom Immunsystem in Schach gehaltene Tuberkuloseinfektion oder ein schlummernder Malariabefall unkontrolliert ausbrechen.

Ist die Erkrankung nicht weniger gefährlich als die Impfung?

Nein, das Gegenteil ist der Fall. Bei der Impfung werden abgeschwächte Erreger oder ungefährliche, gereinigte Bestandteile des Erregers verabreicht. Das regt das Immunsystem an, Abwehrstoffe (Antikörper) gegen den Erreger oder seine Gifte zu bilden. Jede Aktivierung des Immunsystems verläuft wie eine kleine Infektion, daher können Nebenwirkungen wie Fieber oder lokale Reizungen auftreten. Die absichtlich beim gesunden Kind hervorgerrufene Immunreaktion mit dem abgeschwächten Erreger oder seinen Bestandteilen verläuft in jedem Fall weniger schwerwiegend, als die Erkrankung mit dem natürlich vorkommenden Erreger.