Vorgehen bei Abweichen vom Impfplan
Eltern und Kinderärzte können aus verschiedenen Gründe vom Impfplan der Schweiz abweichen
- Unterbrechen der Impfungen
- Impfungen nach einem anderen Impfplan (alternativer Plan, anderes Land)
- teilweise oder vollständig unbekannte Impfanamnese
Unterbrochene Impfung
Der Impfplan sollte dort fortgesetzt werden, wo er unterbrochen wurde. Mit anderen Worten: diejenigen Impfungen sollten nachgeholt werden, die zum jeweiligen Alter des Kindes bereits durchgeführt worden wären. Falsch ist, mit dem Impflan noch einmal neu zu beginnen. Zwischen den Impfungen sollte ein Intervall von einem Monat eingehalten werden. Alle Kinder und Erwachsene, die noch nie geimpft wurden, erhalten eine vollständige Grundimmunisierung. Die häufigsten Situationen sind in den nachstehenden Tabellen zusammengefasst.Bei kompletter Grundimmunisierung in der Kindheit (5 Dosen DTPaIPV) reicht eine einzige Auffrischimpfung dT, um vollen Impfschutz zu gewährleisten, selbst wenn die letzte Auffrischimpfung Jahrzehnte zurück liegt. Im Zweifelsfall soll entweder die Grundimmunisierung nachgeholt werden, alternativ kann eine Auffrischimpfung mit DTpa-IPV oder dT-IPV mit anschliessender Bestimmung der Antikörper-Titer 4 – 6 Wochen später in Betracht gezogen werden. Unsicher Impfanamnese besteht häufig bei Kindern z.B. aus Flüchtlingslagern, hier kann sowohl eine recht vollständige Grundimmunisierung im Rahmen von Impfprogrammen der Hilfsorganisationen als auch gar keine Immunisierung vorliegen.
Der Schweizerische Impflan sieht eine Impfung gegen DTP/Polio mit 3 Dosen im Säuglingsalter und 2 Auffrischimpfungen bis zum Alter von 7 Jahren vor (ingesamt 5 Impfungen bis zum Schuleintritt). Klinische Studien aus Ländern mit anderen Impfschemata zeigen, dass 4 Impfungen bis zum Schulalter ausreichen, wenn zwischen der Abstand zwischen der 2. und 3. Dosis 6 Monate beträgt und die 3. Dosis im Alter von mindestens 12 Monaten gegeben wurde.
Unsichere Impfanamnese
Abhängig von der Ursache der Unsicherheit kommt folgendes Vorgehen in Frage:Impfausweis verloren, die Eltern geben an, das Kind sei «nach dem Schweizer Impfplan» geimpft: Die Ärztin oder der Arzt nehmen an, die Impfungen seien für das Alter angemessen durchgeführt worden. Das Kind wird dem Alter entsprechend nach Plan geimpft. (Tabelle «Impfen bei unsicherer Impfanamnese» und «MMR-Impfung»).
Das Kind hat keinen Impfausweis, die Impfungen wurden im Ausland begonnen. Hier sollte mit den Eltern der wahrscheinlichst zutreffende Impfplan rekonstruiert werden. Danach sind die Impfungen gemäss den Empfehlungen (Tabelle «Impfen bei unsicherer Impfanamnese» und «MMR-Impfung») weiterzuführen. Bei Unsicherheit kann auch der Titer bestimmt werden (z. B.: Tetanus, Diphtherie, Haemophilus beim Institut de vaccinologie, Université de Genève, 1 rue Michel-Servet, CH-1211 Genève; Abteilung Immunologie, Universitätskinderspital Zürich, Steinwiesstr. 75, CH-8032 Zürich), um Hyperimmunisierungen durch Tetanus-Impfung auszuschliessen. Bei erheblichen Zweifeln, ob überhaupt geimpft wurde, sollte das Kind als nicht geimpft betrachtet werden, und eine Grundimmunisierung erhalten (Tabelle «Wiederaufnahme bei unterbrochener Grundimmunisierung»).
Impfen bei unsicherer Impfanamnesea
| Alter des Kindes | Empfehlung | |
|---|---|---|
| <12 Monate | Impfung vollständig nach Schema (DTPaIPV-HiB x 3, Auffrischimpfung mit 15–24 Monaten) |
|
| 12 – 15 Monate | Impfung vollständig (DTPaIPV x 4, HiB x 1)b | |
| 16 Monate – 5 Jahre | Impfung vollständig (DTPaIPV x 4, HiB x 1, Auffrischimpfung DTPaIPV mit 7 Jahren)b | |
| 5 – 7 Jahre | Impfung vollständig (DTPaIPV x 4)b | |
| >7 Jahre | Impfung vollständig (dT-IPV x 3)c |
- Empfehlungen für MMR siehe nachstehende Tabelle
- oder DTPaIPV – HiB x1, dann weiteres Impfen abhängig von Antikörpertiter (Diphtherie, Tetanus, +HiB<5a), um Impfung zu individualisieren
- oder dTPol x1, dann weiteres Impfen gemäss Antikörpertiter
MMR Impfung
| Alter des Kindes | Empfehlung | |
|---|---|---|
| 12 – 24 Monate | 1. Impfung | |
| >15 Monate | Wiederholung (wegen potentieller Impfversager) frühestens 1 Monat nach erster Impfung. Idealerweise 15-24 Monate. |
|
| 2 – 5 Jahre | MMR x 1, dann 2. Impfung mit 4 – 7 Jahren (vor der Schule) | |
| >5 Jahrea | MMR x 2 im Abstand von 1 Monat |
- Hat das Kind bereits einmal eine erste Dosis MMR erhalten, wird die zweite Dosis unabhängig vom Alter verabreicht.
Austausch und Ersatz von Impfstoffen
Die Kombination von Impfungen in einem Impfstoffprodukt hat die Anzahl der erforderlichen Injektionen stark reduziert. Jedoch unterscheiden sich die Impfstoffe der verschiedener Hersteller zum Teil beträchtlich hinsichtlich ihrer Immunogenität. Für einzelne Impfungen können die Impfstoffe ausgetauscht werden, für andere nicht. Nachstehende Empfehlungen sollten berücksichtigt werden:Austausch der Impfstoffe vom gleichen Produzenten
Eine kombinierte Impfung kann ersetzt werden durch monovalente Impfungen oder andere Kombinationen mit gleichen Antigenen vom gleichen Hersteller. z.B. DTPa, DTPa-Hib oder andere Kombinationen auf DTPa, welche auf dem gleichem Pertussis-Antigen des gleichen Herstellers basieren.Austausch der Impfungen verschiedener Produzenten
Unabhängig vom Hersteller dürfen ausgestauscht werden:
Diphtherie, Tetanus, Polio, HiB, Hepatitis B.
Nicht ausgetauscht werden sollten Impfungen mit azellulären Pertussisimpfstoffen, vor allem während der Grundimmunisation (3 Dosen, gleicher Hersteller). Die Impfstoffe enthalten herstellerspezifische Antigenpräparationen, welche spezifische Immunantworten auslösen. Dieser Grundsatz wurde aber in letzter Zeit abgeschwächt. In Notsituationen oder bei Lieferschwierigkeiten eines kombinierten Impfstoffes darf ausgetauscht werden.
Kombinations-Impfung mit einem zusätzlichen Antigen
Um zusätzliche Injektionen oder Konsultationen zu vermeiden, kann es sinnvoll sein, einen gerade verfügbaren Impfstoff zu applizieren, auch wenn ein zusätzliches Antigen darin enthalten ist, welches zeit- und altersspezifisch nicht notwendigerweise gegeben werden müsste (z.B. HiB). Beispiel: Soll eine DTPaIPV Impfung bei einem 5 – 7 jährigen Kind ohne Vorimmunisation durchgeführt werden, könnte auch DTPaIPV-HiB injiziert werden, obschon HiB in diesem Alter nicht mehr durchgeführt werden müsste. Die korrekte Alternative wäre eine simultane Impfung mit DTPa und IPV. Hingegen darf ein schon gegen Diphtherie und Tetanus geimpftes Kind nicht DTPaIPV-HiB anstelle einer monovalenten HiB oder anstelle einer Pertussis Auffrischung erhalten (mögliche Hyperimmunisation).Allgemein gilt: Eine Kombinationsimpfung mit einem zusätzlichen Antigen, das nach Impfplan nicht notwendig wäre, kann gerechtfertigt sein wenn:
- das Produkt mit den strikt notwendigen Antigenen eine zusätzliche Injektion verursachen würde und
- der resultierende Vorteil das potentielle Risiko von Nebenwirkungen durch das zusätzlich Antigen überwiegt. Das gilt vor allem für HiB und Hepatitis B.
Wiederaufnahme einer unterbrochener Grundimmunisierung
(mit DTPaIPV-HiB, abhängig von den bereits erhaltenen Dosen DTPaIPV-HiB)| Bereits erhalten | Alter des Kindes | Empfehlung | |
|---|---|---|---|
| 1 Dosis DTPa+IPV-HiB | 12 – 15 Monate | DTPa+IPV x2, HiB x1, Rappel DTPa+IPV-HiB mit 24 Monatena | |
| 15 – 24 | DTPa+IPV x2, HiB x1, Rappel DTPa+IPV mit 24 Monatena | ||
| 2 – 5 Jahre | DTPa+IPV x3, HiB x1, Rappel DTPa+IPV mit 7 Jahrena | ||
| 5 – 7 | DTPa+IPV x2, Rappel DTPa+IPV 6 Monate später | ||
| >7 | dTpa+IPV x 2, Rappel dTPa+IPV 6 Monate später. | ||
| 2 Dosen DTPa+IPV-HiB | 12 – 15 Monate | DTPa+IPV-HiB x1, Rappel DTPa+IPV-HiB mit 24 Monaten | |
| 15 – 24 | DTPa+IPV-HiB x1, Rappel DTPa+IPV mit 24 Monatena | ||
| 2 – 5 Jahre | DTPa+IPV x2, HiB x1, Rappel DTPa+IPV mit 7 Jahrena | ||
| 5 – 7 | DTPa+IPV x2, Rappel DTPa+IPV 6 Monate später | ||
| >7 | wie bei >7 Jahre, 1 Dosisb | ||
| 3 Dosen DTPa+IPV-HiB | 2 – 5 Jahre | DTPa+IPV x1, Rappel DTPa+IPV mit 4 – 7 Jahren, Hib 1 x falls keine vorgängige Hib-Dosis nach 15 Monaten. | |
| 5 – 7 | DTPa+IPV x1, Rappel nach 2 Jahren | ||
| >7 | dTpa+IPV x 1, Rappel nach 6 Monaten | ||
| 4 Dosen DTPa+IPV-HiB | >7 | dTpa +IPV x1 |
- alternativ: Verwendung von DTPa+IPV-HiB akzeptabel, um Injektionen zu vermindern
- alternativ: DTPa+IPV -x 1 dann Bestimmung des Antikörpertiters, um zu entscheiden, ob weitere Auffrischimpfungen notwendig sind.
Impfplan für einjährige und ältere Kinder sowie ungeimpfte Erwachsene (Nachholschema, Januar 2004)
| Anzahl | Grundimpfung | Auffrischimpfungen | ||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Dosen | 1. Dosis | 2. Dosis | 1. Dosis | 2. Dosis | ||||||
| DTPa (1–5 J.) | 4 | 0 | 2 Monate | 8 Monate | 4–7 Jahrea,b | |||||
| dTPa (6–10 J.)b | 4 | 0 | 2 Monate | 8 Monate | 11–15 Jahrec | |||||
| dT (≥11 J.) | 3 | 0 | 2 Monate | 8 Monate | c | |||||
| IPV (1–5 J.) | 4 | 0 | 2 Monate | 8 Monate | 4–7 Jahred | |||||
| IPV (6–10 J.) | 4 | 0 | 2 Monate | 8 Monate | 11–15 Jahred,c | |||||
| IPV (≥11 J.) | 3 | 0 | 2 Monate | 8 Monate | e | |||||
| MMRf | 2 | 0 | ≥1 Monat | |||||||
| HiB (1–5 J.)g | 1–2 | 0 | 2 Monate | |||||||
| Hep-B (11–15 J.)h | 3 (2) | 0 | 1–2 Monatef | 6–8 Monate | ||||||
| oder 4–6 Monate | ||||||||||
- Mindestens 2 Jahre nach der ersten Auffrischimpfung. Weitere Auffrischimpfung im Alter von 11 bis 15 Jahren, dann mit dT alle 10 Jahre.
- Aufgrund der ausgeprägteren lokalen Reaktionen, wird ab dem 8. Geburtstag mit einer geringeren Diphtherie-Antitoxin-Dosis (d) geimpft.
- Mindestens 2 Jahre nach der ersten Auffrischimpfung. Weitere Auffrischimpfungen alle 10 Jahre.
- Mindestens 2 Jahre nach der ersten Auffrischimpfung. Weitere Auffrischimpfungen gegen Poliomyelitis sind bei Erwachsenen nur bei einem erhöhten Risiko erforderlich. Dies betrifft Reisende in Endemiegebiete und Personen, die mit dem Poliovirus arbeiten. Empfohlen ist der inaktivierte Polioimpfstoff (IPV). Eine Impfung ist erst 10 Jahre nach der letzten Dosis angezeigt.
- Die Impfung von Jugendlichen ab 11 Jahren und Erwachsenen umfasst drei Dosen. Weitere Auffrischimpfungen gegen Poliomyelitis sind bei Erwachsenen nur bei einem erhöhten Risiko erforderlich. Dies betrifft Reisende in Endemiegebiete und Personen, die mit dem Poliovirus arbeiten. Empfohlen ist der inaktivierte Polioimpfstoff (IPV). Eine Impfung ist erst 10 Jahre nach der letzten Dosis angezeigt.
- Die MMR-Impfung umfasst 2 Dosen. Erste Dosis mit 12 Monaten, zweite Dosis frühestens einen Monat nach der ersten Dosis. Die MMR-Impfung sollte vor Eintritt des Kindes in den Kindergarten oder spätestens vor Eintritt in die Primarschule abgeschlossen sein. Impfung von Erwachsenen (2 Dosen): vor allem nach 1963 geborene Erwachsene, Frauen im gebärfähigen Alter und Wöchnerinnen. Besonders zu empfehlen ist die Impfung für beruflich exponierte Personen, welche diese Infektionen auf Schwangere und andere Risikopatienten übertragen können (z.B. in Frauenspitälern, Kinderkliniken usw.). Die MMR-Impfung darf nicht während der Schwangerschaft verabreicht werden.
- Verabreichung von 2 Dosen im Alter von 12 bis 14 Monaten, eine Dose im Alter von 15 Monaten bis 5 Jahren, 0 Dosen >5 Jahre.
- Hepatitis-B-Impfung: 3 Dosen (0, 1, 6 Monate) in erster Linie für Jugendliche im Alter von 11 bis 15 Jahren. Die HB-Impfung kann aber in jedem Alter verabreicht werden. Für Jugendliche im Alter von 11 bis 15 Jahren ist auch ein Impfschema mit zwei Dosen (Erwachsenendosis, 0 und 4 bis 6 Monate) möglich, jedoch nur mit den für dieses 2-Dosen-Schema registrierten Produkten. Die HB-Impfung ist auch bei Säuglingen möglich (4 Dosen mit 2, 4, 6, und 15–24 Monaten. Die Impfung der Risikogruppen und das pränatale Screening müssen weitergeführt werden.
Anmerkung zur Hep-B-Impfung: Die vierte Dosis wird empfohlen, wenn zwischen der 1. und 3. Impfung nicht mindestens 6 Monate liegen. Jedoch ist damit nicht der neue US-Impfplan kohärent, nach dem eine Säuglingsimpfung im Alter von 2, 4 und 6 Monaten genügen.
